Wenngleich die Morphologie in der romanistischen Linguistik stets von großer Bedeutung war, ist in den letzten Jahren die Eigenständigkeit dieses Forschungsfeldes in den Mittelpunkt gerückt. Diese Entwicklung wurde maßgeblich durch die Arbeiten von Carstairs [-McCarthy] (1987), Aronoff (1994), Stump (2001) und Baerman, Brown & Corbett (2005) zur Flexionsmorphologie beeinflusst, die das Paradigma ins Zentrum ihres Interesses stellen und morphologische Variation als autonom verstehen. Auch die romanistische Morphologie profitierte von diesen Entwicklungen. Stellvertretend dafür seien die Arbeiten Maidens (1992, 2003, 2004, 2005) genannt, in denen sich der Autor mit Stammallomorphie in den romanischen Sprachen und Dialekten befasst. Gleichzeitig können bestimmte Phänomene, wie gerade die Stammallomorphie, auch entlang der Schnittstelle zur Phonologie und zur Semantik analysiert werden. An der Schnittstelle zur Syntax lässt sich hingegen die redundante Realisierung klitischer und starker Pronomina, die Existenz unvollständiger, defektiver Paradigmen und die Auslassung klitischer Pronomina in bestimmten Kontexten beobachten. Diese Phänomene haben für das Französische und für die norditalienischen Dialekte in den letzten Jahren vor allem aus syntaktischer Perspektive große Beachtung gefunden, aber auch aus morphologischer Sicht sind sie bedeutsam in Bezug auf ihre mögliche Analyse als Flexionsaffixe.
Der Schwerpunkt Flexionsmorphologie soll all jenen Forschern, die sich mit Fragen paradigmatischer Variation aus morphologischer Sicht befassen, die Gelegenheit geben, ihre Arbeiten miteinander zu diskutieren. Hierzu gehören, neben den bereits genannten Phänomenen, Fragen bezüglich Synkretismus, Heteroklise, Periphrasen, defektiven Paradigmen, Suppletion, Stammextension, Stammausgleich und Akzentzuweisung.
Den zweiten Schwerpunkt bildet die Wortbildung. Als Wortbildungsverfahren verstehen wir sowohl die Derivation als auch die Komposition. In diesem Zusammenhang interessieren wir uns insbesondere für Analysen, welche die Kombinierbarkeit von Derivationssuffixen und Stämmen berücksichtigen. Ebenso sollen Arbeiten und Ergebnisse von Forschern diskutiert werden, die sich mit der Variation semantischer Lesarten und mit Polysemie befassen.
Eine Problematik, die innerhalb beider Schwerpunkte mit im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen soll, ist die Frage nach der lexikalischen Repräsentation und ihrem diachronen Wandel sowie der diatopischen Variation in der Distribution von (paradigmatischen) Mustern. Die kontrastive Untersuchung romanischer Sprachen, auch unter Einbeziehung nicht-romanischer Sprachen, ist besonders erwünscht.