| Was das Romanistikstudium betrifft, so gilt es, die nunmehr bald abgeschlossene Reform im Sinne des Bologna-Prozesses, die aber natürlich andererseits nur einen Abschnitt in einer permanenten Studienreform darstellt, innerlich anzunehmen und das Beste daraus zu machen. Skeptikern, die eine Angloamerikanisierung der deutschen Studientradition befürchten, kann man entgegenhalten, dass, sieht man einmal von den unschönen Begriffen Bachelor und Master ab, die Gliederung in ein dreijähriges Erststudium und ein zweijähriges Aufbaustudium eine sehr alte europäische Tradition erneuert, die sich zum Beispiel in Frankreich in den Studienphasen von Licence und Maîtrise bewahrt und bewährt hat. Eine gewisse Verschulung im Bereich des Bachelor-Studiums ist der Modularisierung systemimmanent, diese Verschulung muss aber nicht unbedingt den Humboldtschen Lehr- und Lerngestus aus der Universität vertreiben. Vielfach wurde die Chance genutzt, vertiefendes exemplarisches Lernen und Forschen überhaupt erst mit Überblickswissen zu unterfüttern, im Gegensatz zum alten Magisterstudium, das oftmals bei den Studierenden ein durch die zufälligen Forschungsinteressen der DozentInnen bestimmtes Lückenwissen erzeugte. Darüber hinaus erzwingt die Vermittlung von Überblickswissen genau jene erneuerte Kanonbildung und permanente Kanonrevision, die im Rahmen einer zukünftigen Europäischen Kulturwissenschaft notwendig wird. Der größte Nachteil des Bachelor-/Master-Systems ist, wie inzwischen allgemein bekannt, die Immobilisierung innerhalb eines Bachelor- bzw. eines Master-Studiums. Die verschiedenen Standorte der Romanistik hatten weitgehende Freiheiten in der Gestaltung der neuen Studiengänge und haben diese Freiräume auch in einer Weise genutzt, die einen Universitätswechsel innerhalb Deutschlands, ja sogar einen Auslandsaufenthalt während des Bachelor- oder Masterstudiums erschwert bzw. studienverlängernd wirken lässt. Um einen Auslandsaufenthalt sinnvoll in ein Studium integrieren zu können, sind vielfach bilaterale Vereinbarungen mit Universitäten in den romanischen Ländern vonnöten, die arbeitsaufwendig sind, andererseits aber auch die Internationalisierung der deutschen Romanistik befördern. Um die Vergleichbarkeit der Bachelor-Studiengänge an den verschiedenen Standorten der Romanistik in Deutschland zu sichern oder wiederherzustellen, sollten wir uns im Sinne des Bremer Manifestes des Hispanistenverbandes bemühen, im Rahmen der Reakkreditierungsphase Nachjustierungen vorzunehmen. Zu diesem Zweck erscheint zunächst einmal die empirische Erhebung des Ist-Zustandes einer Typologie oder Phänomenologie der Neuen Romanistik nötig, um zu sehen, ob dem Begriff der „Romanistik“ im deutschsprachigen Raum überhaupt noch ein einheitliches Konzept zugrundeliegt. Weiter unten wird Eva Scholz ein entsprechendes Dissertationsprojekt vorstellen, das nicht zuletzt auch dem wissenschaftlichen Nachwuchs Orientierung für die sehr schwer planbare Karriere einer Romanistin, eines Romanisten geben soll. Erste Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass sich die Identität der Romanistik in Lehre und Forschung durchaus nicht nur mehr durch die in ihr studierten und beforschten Sprachen konstituiert, sondern dass Sprach- und Literaturwissenschaft, letztere ergänzt durch medien- und kulturwissenschaftliche Anteile, auch weiterhin den harten identifizierbaren Kern der Romanistik ausmachen. In diesen Bereichen gibt es auch ein einigermaßen tragfähiges wissenschaftlich-methodologisches Fundament. Außerdem scheinen sich auch die Tendenzen zur Ausdifferenzierung der Romanistik in ihre Einzelsprachen bis hin zu einer Auflösung der „Romanistik“ abzuschwächen. Das Studium kann zwar inzwischen (muss aber nicht) einzelsprachlich absolviert werden, die Lehrenden und Forschenden bleiben aber vorwiegend mehrsprachlich orientiert, nicht zuletzt, weil auch institutionell immer noch die meisten Stellen der Romanistik so ausgeschrieben werden. Dies hat natürlich von Seiten der Ministerien bzw. Universitätsverwaltungen ganz simple finanzielle Gründe, aber indirekt wird dadurch auch auf ganz pragmatischem Wege die Idee einer Gesamtromanistik am Leben gehalten. Zuletzt liegt darin auch eine Überlebensgarantie für ‚kleinere’ romanische Sprachen an deutschen Universitäten. Und zu einer ‚kleinen’ Sprache kann, wie jedermann weiß, je nach Konjunktur und Mode schnell auch eine Sprache mit relativ vielen Sprechern und hoher kultureller und wirtschaftlicher Vernetzung mit Deutschland werden. Was die Berufsrelevanz eines Romanistik-Studiums für die ganz überwiegende Anzahl der Studierenden betrifft, die keine wissenschaftliche und auch nicht die Laufbahn des Lehrers anstreben, so haben sich durch das Bachelor-Master-System interessante und vorher so nicht unbedingt erwartete neue Perspektiven ergeben. Zum einen zielen so gut wie alle Studierenden einen Master-Abschluss an. Erste Erfahrungen an Universitäten, die schon länger nach den neuen System bilden und ausbilden, zeigen darüber hinaus, dass die eingeschränkte Mobilität innerhalb des Bachelor-Studiums durch höhere Mobilität zwischen Bachelor- und Master-Studium ausgeglichen wird, und zwar oft auch in dem Sinne, dass Bachelor-Absolventen vielfach nach spezialisierten Master-Studiengängen suchen, die mit ihrem Bachelor-Studium inhaltlich nur locker oder gar nicht mehr verbunden sind. Einer der ersten und besten Absolventen des Internationalen Bachelor-Studiengangs „Deutsch-Italienische Studien“, den die Universität Bonn mit der Universität Florenz anbietet, hat einen der begehrten Studienplätze des Master-Studiengangs in European Public Affairs an der University of Maastricht erhalten. Zu diesen Erfahrungen gesellt sich die Einsicht, dass Abiturienten zwar von ihren Eltern und ihrem Umfeld vor der Wahl ihres Studienfaches sehr unter den Druck von zweckrationalen, berufsorientierenden Argumenten gesetzt werden, dass dieselben Abiturienten dann aber doch bei der Wahl des Bachelor-Studiums oft idealistischer und nach ihren persönlichen Neigungen entscheiden und ein scheinbar weniger direkt arbeitsmarktorientiertes, aber dafür allgemeinbildendes Studium aufnehmen.Bachelor-Absolventen aber fragen dann sehr genau nach, welchen beruflichen Nutzen ihnen ein Master-Studium bringen kann. Dadurch geraten die einzelnen Standorte der Romanistik in Konkurrenz um die besten Konzepte und die besten Studierenden, und auch diese Konkurrenz gilt es, positiv und produktiv anzunehmen. Außerdem ist ja inzwischen hinreichend bekannt, dass die Kompetenzen, die ein geisteswissenschaftliches und insbesondere philologisches Studium vermittelt, zwar einem weniger konkret umrissenen Berufsfeld entsprechen als zum Beispiel das Studium der Architektur. Dafür sind die beruflichen Möglichkeiten für Philologen und gerade fremdsprachliche Philologen wesentlich breiter als die anderer Studiengänge, weil hier kontrastiv insbesondere auch die sprachliche Kompetenz und Kreativität in der eigenen Muttersprache gefördert wird. Und die sprachliche Vermittlung ist heute zur wichtigstenProduktivkraft unserer Gesellschaft geworden. Gerade Romanisten aber werden zum stilvollsten Umgang mit der deutschen Sprache gebildet, da sich die deutsche Sprache in ihrer Geschichte überhaupt erst in Abarbeitung am Latein, am Französischen und am Italienischen herausgebildet hat. Doch über ihre Berufsqualifizierung hinaus nehmen Romanisten etwas mit ins wirkliche Leben, das heutzutage immer seltener wird in unserer Gesellschaft: sie sind Träger der europäischen Kultur- und Wissenschaftstradition. Sie können auch im neuen Studiensystem noch, davon bin ich überzeugt, nach dem Ideal der Humboldtschen Universität studieren, das auf so etwas wie die Bildung des ganzen Menschen abzielt, wozu natürlich auch Muße und Zeit zur Reifung zur Persönlichkeit gehört. Sie erfahren die befreiende Wirkung des Studiums der europäischen Kultur, die eben zum großen Teil romanische Kultur war und ist. Sie erleben den existenziellen Ernst und die Heiterkeit der Kunst, die den Geist weit und frei macht, die zumindest zeitweise von den Zwängen einer auf reine marktökonomische Interessen fixierten Gesellschaft Abstand nehmen lässt und daran erinnert, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt. |